Wer mit offenen Augen durch die Welt geht und sich die Körperhaltung seiner Mitmenschen betrachtet, dem wird schnell auffallen, dass vom aufrechten Gang, der uns Menschen eigentlich erst verhalf, zu Menschen zu werden, oftmals nicht mehr viel übrig ist. Damit sollen nicht diejenigen angesprochen werden, die durch Unfälle oder mögliche Krankheiten und Verletzungen betroffen sind, sondern die mittlerweile normal erscheinende Schreibtisch-Haltung, bzw. Handy-Haltung. Dass sich die Zeit, die wir in Folge unserer Arbeit oder zu Unterhaltungszwecken vor dem PC oder am Handy verbringen drastisch gesteigert hat in den letzten 10 Jahren und dass sie weiter steigen wird, ist nicht mehr abzuändern. Aber den wenigsten ist bewusst, was wir unseren Körpern, im speziellen unserer Brust- und Halswirbelsäule, unseren Schulter- und Nackenmuskeln damit antun.

Der Mensch als Gewohnheitstier

Die Muskulatur unseres Körpers ist grundlegend eine anpassungsfähige Struktur. Das heißt, dass wir sie durch gezieltes Training formen können, aber auch, dass sie sich an häufig eingenommene Körperpositionen gewöhnt. Je länger wir beispielsweise unser Handy mit dem rechten Arm vor uns Halten und runter auf den Display schauen, desto schneller wird diese Haltung in der rechten Schulter als scheinbarer Standardzustand des Körpers interpretiert und aufgenommen. Der Nacken und die Brust- und Halswirbelsäule merken sich den Knick für den Blick aufs Display nach unten als neue Standardhaltung. Damit bekommen wir nicht nur aus optischer Sicht eine eher weniger windschnittige Körperhaltung, wir arbeiten uns Stück für Stück echte Probleme und spätere Schmerzen an.

Schultergelenk – Fluch und Segen

Das Schultergelenk als solches ist zwar das beweglichste Gelenk des Körpers, aber damit auch das anfälligste. Jedes Schultergelenk wird von vielen unterschiedlichen Muskeln in alle erdenklichen Richtungen bewegt, der Rückenmuskel bewegt die Schulter, der Brustmuskel, die Oberarmmuskulatur, die Nackenmuskulatur…und dann gibt es auch noch die drei Teile des Schultermuskels selbst und die darunterliegenden vier Stränge der filigranen Rotatorenmanschette, die hauptsächlich für die Haltung und Ausrichtung des Gelenks zuständing sind. Ein kompliziertes Ding also. Umso größer sind die Auswirkungen, wenn eine der vielen Strukturen, oder sogar mehrere, funktionell eingeschränkt werden oder ihre Spannung verändern. Verbildlichen könnte man sich die Zusammenhänge mit einer Marionette. Unser Schultergelenk ist die Marionette, die Bänder die sie bewegen, sind die Muskelstränge der verschiedenen Muskulaturen um das Gelenk. „Verkürzt“ sich ein Band, oder verlängert sich eins, hängt die Puppe auf einmal ziemlich schief.

Verkürzung in der Schulter

Das häufigste Problem, welches durch die lange Aufenthaltszeit vor dem Rechner oder am Handy auftritt, ist die „Verkürzung“ des vorderen Schultermuskels sowie die Verspannung der Halswirbelsäule. Das Wort „Verkürzen“ wurde hier bewusst in Anführungszeichen gesetzt, da sich ein Muskel als solcher nicht physiologisch verkürzen kann. Ein verkürzter Muskel weist eine erhöhte Spannung auf und lässt sich nicht im gleichen Bewegungsradius öffnen, beziehungsweise dehnen wie er sollte. In entspannter Position übt er einen stärkeren Zug aus als normal. Diese erhöhte Spannung tritt durch die antrainierte Haltung der Schulter nach vorn auf. Erst einmal mag eine erhöhte Spannung in einem kleinen Teil eines Muskels in einem Gelenk, dass noch von vielen anderen Muskulaturen bewegt wird, nicht spektakulär wirken. Die Marionette hängt trotzdem schief. Allein durch diesen „verkürzten“ Muskel, treten reihenweise Schulterschmerzen, entzündete Sehen, Rückenschmerzen, Fehlhaltungen, bis hin zu operativen Eingriffen am Gelenk auf. Damit sollte feststehen, dass die Problematiken welche wir uns selbst antrainieren, aber vor allem wie sie auf simple Weise vermieden oder verbessert werden können, für jeden relevant sind, jedoch nicht in einen kurzen Beitrag passen. Deswegen ist dieser Beitrag erst der Startschuss, bis der zweite Teil erscheint, in dem vor allem das häufigste Folgeproblem der Schulter- und Nackenfehlhaltung „Impingement-Syndrom“, sowie einige sehr einfache und trotzdem sehr effektive Übungen zur Vorbeugung und Schmerzlinderung behandelt werden. Vielleicht gehst du die nächsten Tage schon etwas aufmerksamer durch die Welt, und dir fällt auf, wie weit wir uns vom aufrechten Gang entfernen. Und wer sich selbst etwas gutes tun will, versucht die nächste Woche mal nur mit der schwachen Hand das Handy zu halten, während Instagram, Facebook & Co durchgescrollt werden.

„Nicht wir sollten nur die Haltung, sondern die Haltung könnte auch uns bewahren“ -Martin Gerhard Reisenberg